Carlo Chatrian

A personal blog of Festival del film Locarno's Artistic Director


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As of December 1st, 2015, the Locarno Artistic Director’s Blog can be followed directly on the website of the Festival del film Locarno, at the following url:

http://www.pardo.ch/blog

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Das Haus der Filme

BOMBAY VELVET by Anurag Kashyap

BOMBAY VELVET by Anurag Kashyap

Beginnen wir mit den Filmen auf der Piazza Grande. Ricki and the Flash erzählt eine aussergewöhnliche amerikanische Geschichte. Eine Mutter verlässt auf der Suche nach Unabhängigkeit ihr Haus (die klassische Luxusvilla) und zieht in eine bescheidene Wohnung. Sie kehrt wegen einer Krisensituation zurück, und füllt – obschon auf Zehenspitzen – den Raum mit ihrem neuen Look und Lebensgefühl. Ein Familienhaus, solide wie ein Fels in der Brandung, steht im Zentrum des neuen Films von Philippe Le Guay, Floride. Sein Bewohner (ein ausserordentlicher Jean Rochefort) erscheint hingegen fragil wie sein Gedächnis; und diese Mauern sind vielleicht tatsächlich noch sein einziger Halt… Ein Zufluchtsort ist das Haus in Ibiza, wohin sich die von Marthe Keller verkörperte Hauptfigur in Barbet Schroeders Film Amnesia zurückgezogen hat. Ein weiteres Haus, nun an einem Winterabend von aussen betrachtet, steht im Mittelpunkt der für mich schönsten Sequenz in La Vanité von Lionel Baier…

Häuser, also. Früher waren sie der Ort, wo das Familienoberhaupt seine Autorität ausübte. In diesem Sinne wurden sie zu einem sensiblen Ort für ein Filmschaffen, das den Wunsch in sich trug, die gesellschaftliche Veränderung zu unterstützen. Heute feiern Häuser als emotionale Räume ein Comeback. Es liegt nahe, diesen Gedanken mit dem generellen Klima der Unsicherheit zu verbinden, das unsere Zeit prägt. Vor dem Hintergrund der vielen Häuser in den Filmen jagen sich die Bilder einer Vielzahl von Menschen, die ihr Haus verlassen und sich auf den Weg machen. Oder ganz einfach Bilder der zahllosen Personen, die besorgt ihre vier Wände betrachten, die sie von einem Tag auf den anderen verlieren könnten.

Seit wir einer stetigen Bilderflut ausgesetzt sind, ist das Kino vielleicht nicht mehr das Haus der Welt – die Welt braucht jedoch immer noch dringend ein Haus. Es ist Chantal Akerman, die dazu die richtigen Worte findet. In No Home Movie setzt sie das Ende einer Beziehung mit dem Ende eines Hauses gleich. Das ist gleichzeitig die vielleicht beste Reverenz, die man dem Haus als einem Ort ohne besondere Eigenschaften, aber mit einem sehr hohen emotionalen Wert, erweisen kann. Das Haus ist der Raum, in dem die Menschen ihre Gefühle teilen. In diesem Sinn funktioniert das Haus wie eine Kameraeinstellung: es isoliert eine Portion Raum (und Zeit) und verleiht ihr einen besonderen Wert. Das Kino wird so also doch zum Haus das uns fehlt, um diese konfuse Gegenwart entziffern zu können. Wie jedes andere Filmfestival ist auch Locarno ein Haus für das Kino – obwohl jeder Festivaldirektor und jede Festivaldirektorin die Illusion pflegt, «sein» oder «ihr» Festival sei das etwas gemütlichere Haus. Was Locarno angeht, wird uns die Fertigstellung der «Casa del Cinema» ein grosses Stück weiter bringen. Wie jedes andere Festival (na ja, vielleicht nicht gerade jedes!) ist Locarno ein Ort, wo die Begegnung zwischen einem Blick und einer Gemeinschaft, zwischen einer gemeinsamen Geschichte und vielen neuen Geschichten gepflegt wird und sich wandelt. Daher die Beharrlichkeit, mit der das Festival die Protagonisten der Filmgeschichte jedes Jahr in sein Programm einbindet – mit Auszeichnungen, Hommagen und Filmreihen.

Kein Haus ohne Herd, ohne diesen Ort des Beisammenseins, wo wir Geschichten aus aller Welt zuhören und uns von ihnen berühren lassen. Histoire(s) du cinéma – eine Sektion, die dieses Jahr wächst und alle Retrospektiven umfasst – ist unser Herd, der von den vielen Geschichten lebt, die wir ein Jahr lang gesammelt haben und nun mit dem Publikum teilen wollen. Die Geschichten, die wir dieses Jahr präsentieren dürfen, tragen die Namen von Marco Bellocchio und Michael Cimino, Marlen Khutsiev und Bulle Ogier, Edward Norton und Andy Garcia, Walter Murch und Georges Schwizgebel. Ihnen sind wir dankbar, unsere Einladung angenommen zu haben.

Ich liebe den Gedanken, dass ein Regisseur, der mit diesem Konzept des Hauses nur lose verbunden ist, in unserem Programm ganz vorne steht: die grosse Retrospektive des 68. Festival del film Locarno ist Sam Peckinpah gewidmet. Wenn er ein Haus filmte (so z.B. in Das Osterman-Weekend), wurde es zum Schauplatz eines modernen Krieges! Trotzdem: Die Filme Peckinpahs, dessen Name in uns Bilder von Wüste und von Revolvern, von Gesetzlosen und Schlägereien anklingen lässt, sind auf ihre Art und Weise zu einem Haus geworden, das viele Menschen als ihr Zuhause betrachten. Ich bin überzeugt, dass ihre Bewunderung für Peckinpah nicht nur der Tatsache zu verdanken ist, dass er ein hervorragender Regisseur ist. Denn in all seinen Erzählungen schwingt ein Gefühl der Zugehörigkeit mit, dass die Grundlage jeglicher Bindung darstellt. Es genügt, sich die unvergessliche Szene in Pat Garrett & Billy the Kid wieder anzusehen, in der sich eine Frau zu den Klängen von Knocking on Heaven’s Door von ihrem sterbenden Mann verabschiedet, um zu verstehen, dass ein Haus weit mehr als vier Wände bedeuten kann.